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Lotte Michailova begann ihre Arbeit als Fotografin in der Kulturabteilung der Großgemeinde (Rathaus) Sofia – 5 Jahre. Sie beendete die Schule für Kino und Fototechnik und den Kurs für Wissenschaftsfotografie. Dann begann sie ihre Arbeit in der bulgarischen Kinemafotografie im Studio für Spielfilme für 20 Jahre. Ihre Arbeitsstelle für 20 Jahre danach wurde Sofia – Press Agentur (ASP) in der Abteilung "Interfoto". Lotte Michalova ist Fotokünstlerin - Artistin der internationalen Federafion für Fotokunst (AFIAP). Ihre Fotografien erhielten viele Auszeichnungen – Urkunden, Gold, Silber und Bronze – Medaillien wie "Grand Prise" und den ersten Preis des Filmfestivals in Karlsbad – Chehoslovakei 1964. Sie ist Mitglied der Fotografische Akademie in Sofia. Aus Anlass des Jubiläumsjahres bekam sie eine Ehrenurkunde für den außergewöhnlichen Beitrag zu der Entwicklung der Fotografie in Bulgarien. Für ihr Lebenswerk bekam sie die Statuette "Akademica" – das Symbol für beste Auszeichnung ist (2005). Seit 1999 lebt sie in Marburg am Richtsberg und arbeitete drei Jahre im Verein "Blaue Linse" mit. Gerade die kleinen Schönheiten unseres Hochhausviertels am Richtsberg hat sie in vielen Fotos und DVD-Filme in den letzten Jahren dargestellt. Ihre Fotografien erschienen in einem Bildband, dass den Namen "Wurzeln" trägt. Dahinter verbirgt sich die Einsicht, dass nichts auf dieser Welt ohne Wurzeln wachsen kann, weder der Mensch noch die Kultur.

 

 

 

Lotte Michailova

27.11.1925 - 12.11.2014

1999 siedelte Lotte Michailova  im Alter von 74 Jahren von Sofia/ Bulgarien nach Marburg über. Nach dem Tod ihres Mannes, Professor Anastas Michailov Atanasov, 1998,  folgte sie ihrem Sohn Professor Mihail Atanasov nach Deutschland, der zu diesem Zeitpunkt eine Gastprofessur an der Marburger Universität  hatte.

Zunächst wohnte sie bei ihrem Sohn im Gästehaus der Universität und konnte im Jahr 2000 in eine  Wohnung im Studentenwohnheim „Richtsberg 88“ einziehen. Was vorerst als Übergangslösung gedacht war, fügte sich zur ihrer Freude als glückliche Dauerlösung, denn sie integrierte sich dadurch sehr schnell in das Leben der Richtsberggemeinde.

Lotte Michailowa war ausgebildete Fotografin und „Artistin“ in der FIAP (Fédération Internationale de l'Art Photographique- Internationale Institution für Fotokunst).

 

Leben in Bulgarien 

Lotte Michailova  wurde 1925 als Tochter der Bulgarin Mara Tsaneva  und dem Deutschen Anton Herz in Pernik/ Bulgarien geboren.
Nach fünfjähriger Tätigkeit als Bergingenieur in Bulgarien siedelte   Anton Herz mit seiner Frau und seiner Tochter in die Stadt Halle nach Deutschland  um.
Während der Weltwirtschaftskrise entschieden die Eheleute 1928, dass Frau Herz mit Lotte nach Bulgarien zu Ihren Verwandten nach Lom geht, bis sich die wirtschaftliche Situation in Deutschland verbessert. Nach 3 Jahren wollte der Vater die Familie nach Deutschland holen. Lottes Mutter konnte wegen einer Erkrankung nicht reisen. Mutter und Kind bleiben in Bulgarien. Anton Herz gründete 8 Jahre später eine neue Familie in Deutschland. Lottes Deutschstämmigkeit prägte ihr ganzes weiteres Leben.

Ihre Schulausbildung schließt sie 1946 mit dem Abitur an der deutschen Schule „St.Maria” in Sofia ab.

1952 heiratete sie  Anastas Michailov Atanasov, Professor für Theaterkunst, in Sofia.
Ihr Sohn Mihail Atanasov  wird 1953 geboren.

 

Fotografin in Bulgarien

Von 1946-1952 arbeitete sie als Fotografin in der Fotoabteilung der Großgemeinde Sofia.
In dieser Zeit absolvierte sie  Kurse für Film-/ Fototechnik und Wissenschaftsfotografie beim bulgarischen Filmstudio. Diese Ausbildung entspricht der an der heutigen Nationalen Akademie für Theater und Filmkunst.
Ihr Förderer war der Fotograf Nikola Stoichkov, der ihr Interesse und ihre Liebe zur Fotografie weckte.

1952-1970  arbeitete sie als Stand- und Werbefotografin beim bulgarischen Film und fotografierte hier die Entstehung von 20 Spielfilmen.

1970-1983 war sie als Fotoredakteurin für den Bereich „Künstlerische Fotografie” in der Abteilung „Interfoto” an der Sofia-Presse Agentur(ASF) tätig.

 

Fotokünstlerin in Bulgarien

1973-1988 stellte sich Lotte Michailova mit 5 eigenen Ausstellungen in Bulgarien und im Ausland (Prag, Warschau, Moskau, Litauen, Japan) vor. Ihre Arbeiten wurden bei nationalen und internationalen Fotoausstellungen mehrfach ausgezeichnet.
Ihre Werke wurden mit 44 bulgarischen und ausländischen Preisen ausgezeichnet.
Auf dem Internationalen Filmfestival  „Karlovy Vary“ erhielt sie 1964  den „Grand Prix“  für Filmfotografie und dem 1. Preis für Stand- und Reklamefotografie.
1973 bekam sie bei der „Internationalen Herrschinger Fotowoche” die Goldmedaille des Bayrischen Landtages für das  „Beste Landschaftsbild” und eine weitere Goldmedaille für die „Beste Gesamtleistung in schwarz-weiß  als Einzelaussteller”. Es folgen weitere goldene und silberne Medaillen in Bulgarien und im Ausland.

Ihr retrospektives Fotobuch „Wurzeln”  wurde 1999 von dem Verlag „Vulkan & Helikon - Petar Dobrev" in Sofia veröffentlicht. 

Sie war  Mitglied der „Fotografischen Akademie“ in Sofia. Aus Anlass ihres 75. Geburtstages bekam sie 2000 eine Ehrenurkunde für den außergewöhnlichen Beitrag zu der Entwicklung der Fotografie in Bulgarien. 

Für ihr Lebenswerk bekam sie 2005 als besondere Auszeichnung  die Statuette "Akademica".

Persönlich und künstlerisch spiegelten sich in ihrem Leben und dem Ihrer Familie die großen Umbrüche und Verwerfungen des letzten Jahrhunderts wieder: Weltwirtschaftskrise und Faschismus, Kalter Krieg, Mangelerscheinungen im Alltag der Kriegs- und Nachkriegsjahrzehnte, Scheitern des realsozialistischen Experiments, Emigration und Integration.

Eine einschneidende Erfahrung machte sie1970, als sie durch eine Augenkrankheit fast blind wurde. Ein Jahr lang konnte sie, die die Welt  mit Hilfe ihrer Augen erfasste, kein Foto machen. Erst mehrere Operationen ermöglichten ihr wieder zu sehen.

Petŭr Boev weist in seinem Werk  „Die Fotokunst in Bulgarien”  auf die besondere Bedeutung und den Einfluss  von Lotte Michailova hin. 
Er berichtet von einem Konflikt zwischen Traditionalismus und Innovation, der 1963 im Rahmen der Zweiten Nationalen Ausstellung der künstlerischen Fotografie aufbrach.
Lotte Michailova hatte der Jury eine Aktfotografie mit dem Titel „Étude” vorgelegt, aber die Jury versuchte die Teilnahme von Werken mit  innovativer Bildgestaltung  und -inhalten zu unterbinden. Lottes eingereichtes Werk wurde als unmoralisch und dekadent abgelehnt und spaltete die Teilnehmer. Der Konflikt führte zum Sieg der Erneuerer und war ein Durchbruch in der künstlerischen Fotografie, insbesondere der kreativen Aktfotografie in Bulgarien. „Étude” wurde doch noch zugelassen und bekam mit einer Goldmedaille die größtmögliche Auszeichnung.
Diese Begebenheit zeigt, wie wichtig es Lotte war, auch eigene fotografische Wege, neben der gesellschaftlich zugelassenen Fotografie, zu finden und auch mutig zu gehen. 

Dies spiegelte sich auch in weiteren Fotografien aus der Zeit in Bulgarien wider.
Porträts von Frauen in Tracht bei der Ernte, Kindergartenkinder in Uniformen, Gymnastik einer Kindergruppe am Meer, eine Mädchengruppe dichtgedrängt zum Schutz gegen den Regen unter einem Dach aus Schirmen, ein Mann mit Kinderwagen im Winter, eine duschende Frau im Freien die Arme dem Himmel  entgegenstreckend und ein weiteres Bild von einem Baum in gleicher Pose – Durst 1 und 2.

Folgendes Zitat von Lotte aus ihrem Fotobuch „Wurzeln“ zeigt, wie wichtig ihr die gefühlvolle Darstellung und Verbindung von „Menschen und Natur“ waren.

»Ähnlich wie andere Kunstschaffende halte ich die Einsicht für wichtig, dass auf dieser Welt nichts ohne Wurzeln wachsen kann, weder der Mensch noch die Kultur. Dieser Gedanke war Leitmotiv bei den Aufnahmen zum Thema. Zu meiner Freude sind mir die Motive manchmal zugefallen, manchmal musste ich sie absichtlich suchen.« 

Sie selbst musste sich in ihrem Leben mehrfach neue Wurzeln schlagen, und dabei hat ihr die Leidenschaft für die Fotografie geholfen. 

 

Integration durch soziales Engagement und Fotografie in Marburg

Nach dem Verlassen ihrer alten Heimat Bulgarien fand Lotte 1999/2000 in Marburg im Stadtteil Richtsberg im Studentenwohnheim ein neues Zuhause. 
Sie engagierte sich in Frauengruppen, im Verein Lebenswerter Stadtteil, im Sprecherrat „Soziale Stadt”, in der Bürgerinitiative für Soziale Fragen und nahm rege am Stadtteilgeschehen  teil. Mit ihrer Kamera dokumentierte sie die Ereignisse in ihrem Umfeld, die Menschen und die Natur, gab auch  kleine Fotokurse für Anfänger. Als ich sie das erste Mal dort besuchte, spürte ich sofort ihre Verbundenheit mit den Menschen. Lotte lebte die Integration und die Fotografie unterstützte sie bei der Kontaktaufnahme. 

2007 wurde sie mit dem Preis der Stadt Marburg im Rahmen des Programmes „Soziale Stadt“ ausgezeichnet.

Aufgrund eines Zeitungsberichts über die Blaue Linse Marburg, dem Zusammenschluss für gestaltende Fotografie, kam sie 2003 mit uns künstlerisch orientierten Fotografinnen und Fotografen zusammen. Sie war bei den regelmäßigen Treffen der Gruppe dabei und brachte engagiert ihre Erfahrungen  in die Diskussionen ein.
2004 bis 2006 nahm sie an den gemeinsamen Jahresausstellungen der Blauen Linse „... mit Menschen“, „abstract“  und „Im Dialog-Fotografische Begegnungen“  im Marburger Rathaus teil. Die  Einzelausstellung „Mensch und Natur“ präsentierte sie 2006 in Wetzlar. 

Sie erhielt 2011 anlässlich ihrer Ausstellung  „Menschen in Marburg“ für ihren sozialen Einsatz und ihre künstlerische Arbeit das Historische Stadtsiegel. 

Lotte hatte auch in Marburg fotografisch hauptsächlich die Menschen, die Natur und den Alltag mit ganzem Herz in Szene gesetzt und immer wachsam beobachtet.
Ihre analoge Kamera tauschte sie gegen eine digitale Kamera aus, bearbeitet die Bilder am Computer und erstellte kleine mit Musik und Text untermalte Videos mit Titeln wie „Nostalgie“, „Integration“, „Elisabethjahr 800“.

In den letzten Jahren war Lotte körperlich aufgrund mehrerer Operationen in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Sie konnte zwar nicht mehr bei den Blaue Linse Treffen anwesend sein, aber sie sprach gerne mit mir über unsere Aktivitäten und aktuelle fotografischen Themen. 

Sehr berührt hat mich ihr Video „Mein Fenster am Richtsberg“, was sie mir in ihrer Wohnung am Computer vorführte. Es zeigte Ausblicke aus ihrem Fenster zu allen Jahreszeiten:  Menschen, die dort vorübergehen und kurz für ein Foto posieren, Schneeglöckchen im Frühlingslicht, Schnee an den Bäumen, leuchtendes Herbstlaub, ein Regenbogen…

Es war schon erstaunlich, was sie aus diesem räumlich beschränkten Blickwinkel heraus entdeckt hatte, aber vielleicht ist es gar nicht so überraschend, denn wer Lotte gekannt hat, weiß von ihrer Gabe, aus jeder Situation das Beste  und vor allen Dingen ein gutes Foto zu machen.  

2014 mussten Lotte und die anderen Hausbewohner aufgrund eines Brandes das Studentenwohnheim verlassen. Lotte wurde vorrübergehend in einem Altenheim in Cölbe untergebracht, aber vermisste dort ihre vertraute Umgebung und die Menschen am Richtsberg.

Sie verstarb am 12.11.2014.

Ihre fotografischen Werke sind regional verteilt. Im Braunschweiger Museum für Photographie befinden sich fotografische Arbeiten aus ihrer bulgarischen Schaffensphase.
Ihr Sohn Professor Mihail Atanasov verwahrt ältere und jüngere Arbeiten von ihr. 

Es lohnt sich das Werk von Lotte Michailova  noch genauer zu erforschen und sicher wird man dabei noch den ein oder anderen fotografischen Schatz entdecken. 

Ich bin froh, sie gekannt zu haben.

Heike Heuser

Quelle: "Das andere Leben - Rückblick auf Marburger Künstlerinnen", I. Ewinkel (2015)